Lebe wohl, du schöner Wald!

Foto: Jan Gläßer

Was fällt einem ein, wenn man nach einer passenden Überschrift zu einem Beitrag zum Tag des Waldes sucht? „Der Wald steht schwarz und schweiget“ aus dem „Abendlied“ von Matthias Claudius (1740-1815) zum Beispiel (siehe unten). Aber die rechte Romantik will nicht aufkommen, wenn man sich die Medienberichte zu Gemüte führt, die sich pünktlich zum Frühlingsanfang am Tag des Waldes über uns ausbreiten.
Und so prangt schließlich die letzte Zeile der ersten Strophe aus dem Gedicht „Des Jägers Abschied“ von Joseph von Eichendorff (1788-1857) über dem Beitrag, in der Hoffnung, dass es so schlimm nicht kommen möge. Wobei dazu noch unbedingt angemerkt sei, dass Eichendorff mit dem 1810 entstandenen Gedicht anderes im Sinn hatte als auf den auch damals schon prekären Zustand des deutschen Waldes aufmerksam zu machen und mit dem „Meister“, der den Wald „aufgebaut“ auf keinen Fall der Revierförster gemeint war:
„Wer hat dich du schöner Wald
Aufgebaut so hoch da droben?
Wohl den Meister will ich loben,
So lang noch mein‘ Stimm‘ erschallt.
Lebe wohl,
Lebe wohl, du schöner Wald!“


Trotzdem sind die Worte wie gemacht zur Zustandsbeschreibung des deutschen Waldes, die jetzt pünktlich zu seinem Jubel- oder Trauertag am 21.3. durch die Veröffentlichung der „Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2022“ (siehe unten) durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) mit aktuellen Zahlen unterfüttert wurde. Dem Wald geht es also schlecht und von Jahr zu Jahr schlechter, könnte man mit wenigen Worten den Bericht zusammenfassen. Auf den ersten Blick scheint dies auch in Politik und Gesellschaft angekommen zu sein und das schon geraume Zeit. Schaut man sich aber die Praxis, die Förderprogramme und die Planungen zur Nutzung und zum Schutz der Wälder genauer an, so kommen schnell Zweifel auf. Offensichtlich steht die Nutzung der Wälder weiter weit im Vordergrund. Aber auch wenn auf diesem Feld gewisse Fortschritte zu verzeichnen sind und man jetzt die Forstwirtschaft als „multifunktional“ und „naturgemäß“ bezeichnet und es durchaus positive Beispiele gibt, dürfte das bei weitem nicht hinreichend sein. Die Betrachtung des Waldes als Ökosystem und seine vielfältigen Funktionen im Wasserhaushalt, bei der Verbesserung der Luftqualität, des Lokalklimas etc. sind leider immer noch Nebensache und führen ein Schattendasein. Damit verspielt man auch viel Potenzial bei der Eindämmung der klimatischen Veränderungen, die man ja eigentlich immer gerne als wesentliches Ziel herausstreicht. Am krassesten deutlich wird das wohl bei der Argumentation für die radikale Reduktion von Hirsch, Reh und Co. (siehe den Link unten zu unserem Beitrag „Bejagung auf Teufel komm raus“), die man oftmals ausschließlich als Waldschädlinge und Verhinderer eines zügigen Waldumbaus darstellt. Zuweilen hat man ein wenig den Eindruck, als betrachte so mancher den Wald ausschließlich als ein Sammelsurium von Bäumen zur Holzgewinnung und deren Bewohner als überflüssige und hinderliche „Beilage“.
Ein trauriger Beleg dafür, dass sich unsere Grundeinstellung bisher kaum gewandelt hat. Wir frönen nach wie vor unbeschwert unserem Egoismus. Der Weg zu einem achtsamen und emphatischen Miteinander mit Natur und Landschaft ist noch weit und es steht durchaus in Frage, ob wir überhaupt ans Ziel kommen werden. Wir haben bisher wenig gelernt von unseren Dichtern und Denkern, auf die wir ja angeblich so stolz sind, von solch eindrücklichen Worten wie beispielsweise dem schon erwähnten „Abendlied“ (siehe unten), entstanden im Jahr 1779. Zeit genug wäre eigentlich gewesen.

Mehr zum Wald, seinen Bewohnern und den aktuellen Problemfeldern finden Sie in folgenden Dokumenten:

PDF Download Zeitschrift „Lebendige Vielfalt im Westerzgebirge – Wald und Wild in bewegten Zeiten“
Link zum Beitrag „Bejagung auf Teufel komm raus“
PDF Download „NABU Grundsatzprogramm Wald“
PDF Download „Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2022“ (BMEL)
PDF Download „Waldzustandsbericht 2022 Sachsen“ (SMEKUL)


Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar;
der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? –
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel;
wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, lass uns dein Heil schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun!
Lass uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
lass uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und lass uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

Matthias Claudius (1740-1815)

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